Legende verloren – Die Anfänge von 30 Jahren Fußballbundesliga (powered by FRÜF)

Die Aufgelösten

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Viele der Vereine, die Teil der ersten Saison waren, heißen mittlerweile anders, haben Nachfolgevereine oder existieren nicht mehr. Woran liegt das?

Wir haben mit Anja Schareina von TSV Fortuna Sachsenroß und Sandra Hofmann von VfL Ulm/Neu-Ulm darüber geredet. Beide Vereine bzw. deren Frauenfußballabteilungen haben sich aufgelöst. Bei Ulm war es schon 1992 und bei Hannover 1997. Die beiden erzählen von der Situation in den Vereinen, ihren Wegen nach der Bundesliga, und wir wären nicht wir, wenn wir nicht auch etwas über die Gesamtsituation diskutieren würden.

Nach dem Gespräch mit Anja und Sandra kommt noch ein kurzes Interview mit Alexander Wachsmann. Er ist Abteilungsleiter der ehemaligen SSV Ulm Frauen und der jetzigen VfL Frauenfußballerinnen. Und so findet die Geschichte des VfL grade einen neuen Anfang.

Shownotes

Moderation

  • Franziska Blendin
  • Ellen Hanisch

Sandra Hoffmann

Sandra Hofmann spielte früher beim VfL Ulm/Neu-Ulm. 1989 qualifizierte sie sich, damals als Stammspielerin, mit den Ulmerinnen für die Bundesliga-Süd. 1990 bis 1992 spielte Sandra Hofmann in der Bundesliga-Süd. Sie war keine Stammspielerin mehr, spielte aber regelmäßig und war Teil des Teams. Bei der Auflösung des VfL Ulm/Neu-Ulm 1992 war sie ebenfalls dabei.

Nach der Zeit bei Ulm wechselte sie zum FC Memmingen und spielte dort noch einige Jahre unterklassig weiter. Später wurde sie Co-Trainerin der Mannschaft des FCM. Heute ist sie Trainerin der B-Jugend (Jungen) ihres Dorfvereins SGM Illerberg. Zuletzt hat sie beim DFB und beim Württembergischen Verband durchgesetzt, dass auch Mädchen bei der B-Jugend der Jungen mitspielen dürfen. Sie hat eine Tochter, die ebenfalls Fußball spielt.

Anja Schareina

Anja Schareina, geb. Hümme spielte früher beim TSV Fortuna Sachsenroß Hannover. In der Vereinschronik ist ihr ein Spielerinnenportrait gewidmet:

„Als sie 1972 im zarten Alter von fünf Jahren das erste Mal gegen einen Fußball trat, ahnte wohl kaum jemand, dass die talentierte Kickerin 14 Jahre später ein Nationaltrikot überstreifen würde. Anja Hümme selbst wohl am allerwenigsten, obwohl die Nationalelf immer ihr großes Ziel gewesen war. Als im November 1986 die deutschen Elite-Kickerinnen in Nordhorn gegen die Niederlande antraten, erfüllte sich nicht nur der Traum der sympathischen Spielerin, sondern der TSV Fortuna Sachsenroß Hannover hatte seine erste Nationalspielerin.

Begonnen hatte alles bei den Sportfreunden Anderten, wo Anja Hümme bis 1977 spielte, zusammen mit lauter Jungen. Während ihre Altersgenossen lieber mit Puppen spielten, schnappte sich Anja einen Ball, jonglierte damit herum, übte Kopfbälle und feilte an ihrer Technik. Der Erfolg blieb nicht aus: Mit 11 Jahren stand sie in der Niedersachsenauswahl der Mädchen, vier Jahre später im Damenaufgebot, das alles bereits im Dress von Fortuna Sachsenroß, weil es in Anderten keinen Platz für fußballspielende Damen gab. Anja Hümme holte mit der Niedersachsenauswahl Pokale in Dänemark und Schweden, stieg mit Fortuna von der Bezirksklasse bis in die 1990 gegründete Damen-Bundesliga auf. Zahlreiche Fotos, Wimpel und Zeitungsausschnitte ihn ihrem Zimmer sind stumme Zeitzeugen einer erfolgreichen Laufbahn.

Trotz ihrer Karriere als Nationalspielerin ist Anja Hümme auf den Boden der Tatsachen geblieben. Auf dem Platz ist sie ehrgeizig, zielstrebig, mag Zweikämpfe und wirft sich gern ins Strafraumgetümmel. Privat ist sie ein Kumpeltyp, locker zurückhaltend, hilfsbereit.

Wenn sie nicht dem runden Leder nachjagt, und das kommt als Bundesligaspielerin nicht allzu oft vor, versucht sie sich bei ein bisschen Tennis, entspannt bei schöner Musik oder geht mit Freunden essen.“

Die Saison 1996/97 verpasste sie wegen einer Schwangerschaft und hörte anschließend, nach der Auflösung, auf mit dem Fußball. Sie spielte aber noch mit dem SV Großmoor in der untersten Klasse (ab 1998). Über die Jahre stieg der SV Großmoor mit ihr bis in die Oberliga auf, blieb dort aber nicht lange, weil die Strukturen nicht da waren. Seit 2005 trainiert sie die Mädchen des SV Großmoor.

Zu den Vereinen

Sandra Hofmann spielte früher beim VfL Ulm/Neu-Ulm.

  • Der VfL war in der Vorsaison der Bundesliga 1989/90 in der Verbandsliga Württemberg. Als Sieger der Verbandsliga qualifizierte sich der VfL Sindelfingen. Als Vizemeister in Württemberg durfte der VfL Ulm/Neu-Ulm an der Aufstiegsrunde gemeinsam mit den Zweiten der anderen Verbandsligen teilnehmen. Im letzten Spiel traf man dort auf den bis dahin ungeschlagen FC Spöck aus der Nähe von Karlsruhe, dem Zweiten der Verbandsliga Baden. Sensationell gewann Ulm das Spiel mit 3:0 vor 600 Fans und qualifizierte sich so für die Bundesliga Süd 1990/91.
  • Zitat „Südwest Presse“ vom 02. Juli 1990, dem Tag nach dem entscheidenden Spiel gegen Spöck: „Abteilungsleiter Manfred Mack liefen die Freudentränen über die Wangen, Mittelfeldspielerin Petra Frank fiel vor lauter Glückseligkeit Trainer Bruno Vorweiter um den Hals und kündigte für die anschließende Feier mit einem Augenzwinkern an: ,Jetzt reißen wir das Festzelt ab’. Unbeschreibliche Jubelszenen spielten sich nach 3:0 (2:0) Erfolg der Fußball-Damenmannschaft des VfL Ulm/Neu-Ulm in der entscheidenden Aufstiegsrundenpartie zur neu aus der Taufe gehobenen Bundesliga Süd gegen den bis dato ungeschlagenen Spitzenreiter FC Spöck ab.“
  • Zitat von Abteilungsleiter Mack, heute 79 Jahre alt, in der Südwest Presse vom 13.07.2020: „Der damalige Abteilungsleiter Manfred Mack, mittlerweile 79 Jahre alt, erinnert sich noch gut an diesen Tag in Böfingen [der Stadtteil indem der VfL Ulm zu Hause ist]: ,Das war ein mords Hallo da oben’. Nur acht Wochen später starteten die Frauen – oder ,Damen’ wie’s im Sprachgebrauch der Zeit üblich war – in der Bundesliga Süd. Und gewannen prompt das Auftaktspiel gegen den traditionsreichen Frauen-Klub SC 07 Bad Neuenahr mit 2:1. Übrigens im Donaustadion, Heimspielstätte die sie sich mit den Oberliga-Männern des SSV Ulm 1846 teilten. ,Es war sehr lustig bei uns’, sagt Mack.“
  • Zwei Jahre blieb der VfL in der Bundesliga-Süd und erreichte zweimal den achten Platz und damit knapp den sportlichen Klassenerhalt. Vor der Saison 1992/93 sprangen dann Sponsoren ab und die weiten Fahrten zu Auswärtsspielen, Hotels und Kilometergelder der Spielerinnen konnten nicht mehr gezahlt werden. Die Frauenfußballabteilung des VfL löste sich auf.
  • 2014 versuchte der VfL Ulm/Neu-Ulm erneut zumindest die Etablierung einer Mädchenmannschaft – gab jedoch nach zwei Jahren auf. Nun hat der SSV Ulm 1846 sich im März 2020 von seiner Frauenfußballabteilung getrennt – der VfL Ulm/Neu-Ulm hat sie komplett übernommen und wird daher ab der kommenden Saison wieder ein Frauen-Team ins Rennen schicken – in der Regionenliga 3.

Anja Schareina, geb. Hümme, spielte früher beim TSV Fortuna Sachsenroß Hannover.

  • Bei Sachsenroß wurde seit 1970 Frauenfußball gespielt. Damals hatten „nur so zum Spaß“ die Ehefrauen von Hannoveraner Schiedsrichtern gegen Frauen und Freundinnen der 1. Herren von Fortuna Sachsenroß gespielt. Sachsenroß gewann 5:1.
  • Die Frauen wollten anschließend regelmäßig spielen, allen voran Heidi Filipiak. Sie überredete ihren Mann, das Training zu übernehmen. Filipiak bleibt knapp 20 Jahre lang Trainer. 1990 gab es bereits 50 aktive Spielerinnen in zwei Damen- und zwei Mädchen-Mannschaften, die in den beiden damals höchsten Spielklassen spielten. Thekla Krause und Anja Schareina werden in dieser Zeit zu Nationalspielerinnen.
  • In den ersten zwanzig Jahren kam es dabei immer wieder zu Problemen, da Frauen im Fußball so regelmäßig ausgegrenzt werden. Trainer Filipiak beschreibt: „Es kamen viele Mädchen, die Lust hatten, bei uns mitzumachen, für die wir dann alles in die Wege geleitet haben, und dann hieß es plötzlich ,meine Mutter möchte das doch nicht’.”
  • Vor 1990 kamen regelmäßig 100 bis 200 Zuschauer:innen zu den Spielen und Eintracht Wolfsburg entwickelte sich zunehmend zum Hauptrivalen. Vor allem in den 1970er Jahren unternahm das Team immer wieder Reisen, um Freundschaftsspiele auch international zu beschreiten. Es ging nach Amsterdam, England, Paris, Brüssel, Straßburg, Potsdam, Wien und Teneriffa. 1978 ging es dann schließlich nach Chicago, wo man am 24. September 2:1 gegen den Staatsmeister aus Illinois SC Chicago Kickers verlor.
  • Besonders interessant ist vor allem auch das Duell mit Potsdam. 1978 organisierte Fortuna Sachsenroß das erste Ost-West-Duell auf Vereinsebene. Die Herrenmannschaft spielte in Hannover gegen SG Motor Bergen aus Rügen und eine gesamte Stasi-Delegation kam zur Sicherheit mit. In dieser Zeit reisten die Damen bereits nach Potsdam um gegen Turbine spielen – möglicherweise das erste Ost-West-Duell im Frauenfußball.
  • 1990 trat Filipiak als Trainer zurück und wurde Manager der Bundesligamannschaft. Wolfgang Grzyb übernahm den Trainerposten. In der ersten Saison wurde man siebter, in den Folgejahren holte man Platzierungen zwischen Rang 4 (1992/93) und 8 (1991/1992). 1996 zog man nach einem sechsten Platz in der Nordstaffel in die Relegation für die neue eingleisige Bundesliga ein. Nach 4 Siegen und 2 Unentschieden gegen den HSV, den Schmalfelder SV und TV Jahn Delmenhorst gewann man die Relegationsgruppe souverän. Aus finanziellen Gründen verzichtete man jedoch auf die Anmeldung zur eingleisigen BL, so dass der HSV nachrückte.
  • Nach einem Jahr in der Bezirksliga Hannover löste sich die Frauenfußballabteilung schließlich 1998 auf.

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